Was ist Luxus, Herr Cucinelli?

Brunello Cucinelli wurde schon vieles genannt: Franz von Assisi des Cashmeres, Hüter des weißen Golds, Philosoph der Mode. Der Bauernsohn aus Umbrien hat es weit gebracht: Das nach ihm benannte Unternehmen wird seit 2012 an der Mailänder Börse gehandelt, Brunello Cucinelli fliegt Privatjet und wird begleitet von einer Entourage aus persönlichen Assistenten und Übersetzern. Am Firmensitz Solomeo hat er nicht bloß seine eigenen Gebäude herausgeputzt – die Brunello Cucinelli Sonne scheint auf das ganze Dorf, das er aufwändig restaurieren ließ. Ein Gespräch über Kant, Hadrian und Eleganz.


Interview: Martina Müllner-Seybold. Fotos: Brunello Cucinelli


Was war der wichtigste Meilenstein als Unternehmer? Der erfolgreiche Börsengang?

Mein Lebenstraum war immer, mit meiner Arbeit der menschlichen Würde zu huldigen, denn ich weiß, dass Profit ohne Würde keinen Wert hat. Das ist meine Überzeugung und das Herz unseres Geschäftsmodells, dem fühlen wir uns seit Anbeginn verpflichtet.


Sie haben es wiederholt wie ein Mantra: Der Börsengang würde nichts an der Marke und dem Unternehmen ändern – konnten Sie dieses Versprechen halten?

Ja, ich bestätige gerne: Der Börsengang war nur eine Stufe unseres Unternehmenswachstums und unserer Entwicklung. Auf der Roadshow vor dem Börsengang haben wir allen potenziellen Investoren unsere Unternehmensphilosophie erklärt. Nämlich, dass wir nachhaltigen, würdigen Profit machen wollen, dass wir für ein Unternehmensmodell stehen, das wachsen kann ohne der Menschheit Schaden zuzufügen, oder zumindest so wenig wie möglich. Daher hat sich seit unserem IPO auch nichts in unserem Unternehmerleben geändert.


FAMILIENBANDE: Diese Familie hat Cashmere in ihren Genen: Brunello Cucinelli mit seinen Töchtern Camilla und Carolina und Ehefrau Federica Cucinelli.


Was treibt all die großzügigen Aktivitäten an, die Sie in Ihres Heimatorts Solomeo setzen? Warum ist es Ihnen ein so großes Anliegen, Solomeo und seine Sehenswürdigkeiten zu renovieren und herauszuputzen?

Meinem Handeln liegt das Konzept der menschlichen Würde zu Grunde. Über die Zeit haben wir verstanden, dass an einem angenehmen Ort zu leben und arbeiten die menschliche Arbeit friedvoller macht. Ich habe immer gesagt, dass das Leben in einem Dorf etwas Besonderes ist. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Als Erwachsener habe ich ein Zitat von Jean Jacques Rousseau gefunden, aus 1765. „Das Leben in den Städten ist hart, wir müssen zurück in die Dörfer gehen und die Menschheit grundsätzlich neu diskutieren und planen.“ Genau dieser Gedanke war schon tief in mir verankert. Also haben wir Solomeo nicht als Bauprojekt, sondern als Renovatoren betrachtet. Die wenigen Dinge, die wir neu gebaut haben, haben wir so gestaltet, dass sie für Jahrhunderte Bestand haben.


Sie sind, was man einen Leader nennt: Ihr Beispiel hat Schule gemacht, nun ertüchtigen sich auch andere Modeunternehmer mitzuhelfen, dass wichtige italienische Denkmäler und Sehenswürdigkeiten erhalten werden können. Warum ist es so wichtig, dass prosperierende italienische Unternehmen auch an das reiche kulturelle Erbe dieses wundervollen Landes denken?

Man sollte sich an Kaiser Hadrian halten, der sagte: „Ich fühle mich verantwortlich für die Schönheit in der Welt.“ Ich bin tatsächlich überzeugt, dass jeder von uns in der Lage ist, die Zukunft zu gestalten. Ich glaube an das Konzept der Aufklärung, an Vorbilder; daran, in die Fußstapfen der großen Meister der Geschichte zu treten. Um die Menschheit durch das Wiederentdecken von Kunst und Spiritualität und ein Leben nach diesen Werten zu verbessern.


Sie sind ein globaler Unternehmer, aber selbst im Silicon Valley sprechen Sie Italienisch. Was daran so besonders ist: Man hat den Eindruck, dass ihre Botschaft trotzdem verstanden wird. Sprechen Sie – auch durch ihre Marke – eine universelle Sprache?

Um ehrlich zu sein, ich spreche am liebsten mit meinem Herzen. Mein Vater hat mir eingetrichtert, ein guter Mann zu sein und ich habe bei Kant genau den gleichen Ausdruck gefunden: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir." Das ist mein grundsätzliches Prinzip, so will ich kommunizieren, die eigene Botschaft vermitteln, meinen Glauben.


Was ist Ihre Definition von Luxus?

Es ist nicht einfach, die Idee von Luxus zu definieren, denn heutzutage ist Luxus meiner Meinung nach ein inflationäres Konzept. Für mich bedeutet Luxus Eleganz, Raffinement und Exklusivität. Luxus ist etwas, was man nicht überall, sondern nur an wenigen, ganz speziellen Orten, findet. Luxus ist niemals übertrieben, er ist immer etwas, was man wahrnimmt und was im Flüsterton spricht.


Einen Privatjet oder eine Stunde Privatheit? Was empfinden Sie als luxuriöser?

Wenn ich es für unsere Marke definiere, liegt Luxus in den exzellenten manuellen Fähigkeiten und der Handwerkskunst, in der Verwendung von sehr wertvollen Materialien und, so hoffe ich, in Kreativität auf höchstem Level. Indes, wenn ich Luxus auf den Alltag übertrage, dann bedeutet er für mich auch, mein Leben vor dem Smartphone zu verbergen. Zeit zu haben für Stille und einen Teil meiner Existenz ins Offline-Leben zu retten.


Sie orientieren sich an Trends, aber Sie würden der Mode nie die Seele ihrer Marke ausliefern: Brunello Cucinelli hat einen starken, wiedererkennbaren Stil, der auf die Harmonie von Farben, Materialien und Silhouetten setzt. Was ist Ihnen im Speziellen bei Männermode wichtig?

Die Männermode ist von anderen Faktoren beeinflusst als die Womenswear: Für Frauen hat man eine viel größere Bandbreite an Kleidungsstücken, mit denen man das Spiel mit zeitgenössischen Trends aufnehmen kann, so kann man den eigenen Look einfach auf saisonale Trends abstimmen. Männermode kennt hingegen fast universelle Regeln. Ich wiederhole immer: Das Sakko ist ein elementares Element der Männermode; unsere Sakkos haben eine ganz spezielle Passform, dekonstruierte Schultern und eine V-Form, um dem männlichen Körper zu schmeicheln. Ich liebe es, meine Anzüge aufzubrechen, denn Anzüge bleiben so wichtig in der Garderobe eines Mannes. Die Länge der Hosen und die Säume sind essentiell. Man sollte darauf achten, dass der Anzug satorial gearbeitet ist und ich liebe es, wenn jemand Hemd und Einstecktuch gut kombinieren kann. Ich definiere unseren Stil als alterslos, er passt einem 65jährigen Mann wie mir genauso wie einem dreißigjährigen Gentleman. Unser Stil ist sehr wandelbar, man kann alles von morgens bis abends tragen, man muss nur ein paar Details anpassen.


Ihr Lieblingsmaler… Ich habe eine generelle Vorliebe für die Renaissance-Maler, denn in dieser Ära ist die italienische Kultur erblüht.


Ihr Lieblingsbuch… Ich zähmte die Wölfin – Erinnerungen Hadrians von Marguerite Yourcenar.


Ihr Lieblingsgericht… Rigatoni mit Tomatensauce und frischem Basilikum.




Dieser Beitrag erschien zuerst in Braun Edition Vol. 2 by UCM Verlag.

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