"Verraten Sie das Geheimnis eines Anzugs, Vincenzo Attolini?"

Unter dem Schatten des Vesuvs aufgewachsen, aus dem Schatten des Vaters und Großvaters getreten: Vincenzo Attolini zählt mit seiner Marke Stile Latino zu den Erneuerern der neapolitanischen Schneiderkunst. Was genau Stile Latino anders macht als die anderen, darüber herrscht striktes Schweigegebot. Geheimnisse lässt sich Vincenzo Attolini trotzdem entlocken – zum Beispiel, wann man sich als waschechter Neapolitaner nicht in Capri blicken lässt.

Neapolitanische Schneider haben Tradition und Erfahrung, sie zelebrieren die Handwerkskunst, sie sind das Epizentrum der Sartoria – aber manchmal fehlt ihnen die moderne Herangehensweise. Stile Latino ist ihre Antwort: Eine Marke, die drei Generationen Schneiderwissen in einen zeitgemäßen Stil übersetzt. Erzählen Sie uns, wie es dazu kam…

Ich wollte der neapolitanischen Sartoria einen modernen Touch verleihen, ohne die traditionellen Methoden über Bord zu werfen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich begonnen, leichtere und weichere Einlagen zu verwenden, um meinen Sakkos einen sexier Fit zu verleihen. Ein Kunde hat mir mal anvertraut, seine Frau sei der Meinung, er sehe zehn Jahre jünger aus, wenn er Stile Latino trägt. Ich entgenete: „Nicht Stile Latino macht Sie zehn Jahre jünger, der Anzug, den Sie früher getragen haben, hat Sie zehn Jahre älter gemacht.“

Nur 32 Anzüge fertigt Stile Latino pro Tag: Was ist das Geheimnis des Anzugs?

Die Nacken- und Schulterpartie sowie die Ärmel. Diese Stellen müssen ausnahmslos per Hand gemacht werden, mit ein paar geheimen Kniffen, die mir mein Vater vor langer, langer Zeit gezeigt hat. Diese Geheimnisse werden meine Brüder und ich nie verraten.

Ihre Philosophie sagt: Ein Anzug soll Freude bereiten. Worin unterschieden sich Stile Latino Anzüge von „alten“ Anzügen oder anderen Anzügen, die wir kennen?

Ein Stile Latino Anzug macht Männer jünger und sexier und ist trotzdem kein Angeberteil.

Leicht, einfach, vielseitig, komfortabel… Wie soll sich ein Anzug anfühlen?

Komfort ist das wichtigste, ohne Zweifel. Einen Anzug sollte man elegant tragen können, ohne dass es zwanghaft modisch wirkt.

Ein wichtiges Stück Ihrer Kollektion ist das Reisesakko. Wohin reisen Sie zum Vergnügen?

Ich verbringe meine Freizeit wann immer möglich am Meer. Gerne auf spanischen oder griechischen Inseln. Ich habe aber auch ein Faible für die neapolitanischen Inseln Ischia und Capri. Ich habe in meiner Jugend dort gelebt, deshalb kenne ich sie sehr gut. Aber während des Sommers überlassen wir diese Inseln lieber den Touristen aus aller Welt.

Neapel ist eine Stadt mit zwei Gesichtern – pittoresk schön, freundliche Menschen, bestes Essen – aber eben auch Schattenseiten. Wie inspiriert und beeinflusst Ihre Heimatstadt Ihre Kollektion?

Neapel ist die Wurzel. Alles, was ich mache, entsteht hier, unter dem Schatten des Vesuvs, mit Blick auf das Meer. Neapel gibt mir die Energie für den Kreativprozess. Aber jede Reise, die ich mache, bereichert meine „Napolitanetà“ mit neuen Eindrücken und Emotionen.

Ihre Marke ist von großer Zurückhaltung geprägt – wie passt das in eine Zeit der permanenten Selbstinzenierung?

Wir zeigen uns natürlich auch, nützen auch Kanäle wie Instagram. Wir glauben an soziale Netzwerke und sind auch glücklich, dass uns weltweit fast 30.000 Menschen folgen. Aber die oberste Priorität muss immer das Produkt sein, nicht seine Vermarktung. Selbst ich selbst stehe hinter dem Produkt zurück, vergleicht man uns mit Marken, bei denen die Inhaber oder Designer im Zentrum stehen. Für uns ist das Produkt eben alles.

Sie bilden 30 junge Schneider aus. Ist es sehr schwierig, heute junge Menschen für einen handwerklichen Beruf wie den des Schneiders zu begeistern?

Ja, in der Tat, es ist nicht einfach, junge Menschen zu finden, die eine Schneider-Ausbildung beginnen wollen. Zum Glück finden wir aber immer noch begeisterte Menschen, die sich von mir und meinen ältesten Angestellten persönlich in die hohe Kunst des Handwerks einführen lassen.

Was ist das wichtigste, was Sie diesen jungen Menschen beibringen – abgesehen von Schneider-Künsten?

Geduld zu haben und zu lieben, was sie machen. Ohne Passion ist es Zeitverschwendung.

Würden Sie Ihre Kinder gerne in Ihre Fußstapfen treten sehen oder sollen Sie in ihrer Berufswahl absolute Freiheit genießen?

Meine Söhne arbeiten bereits bei uns. Ich habe sie selbst wählen lassen. Mein ältester Sohn, Cesare Mattia, lebte für fünf Jahre in London, er hat sein Musikstudium an der University of West London abgeschlossen. Mein jüngerer Sohn eifert dem musikalischen Weg seines älteren Bruders in seiner Freizeit nach. Trotzdem haben sie meine Arbeit nie aus den Augen verloren und bereits seit einigen Jahren sind sie bei Trunk Shows und auf Messereisen auf der ganzen Welt mit dabei. Sie haben großen Enthusiasmus und wollen lernen, gleichzeitig wissen Sie auch, dass eine große Verantwortung auf sie wartet.

Werden sie immer noch Anzüge tragen, wenn sie in Ihrem Alter sind? Oder denken Sie, dass die Dresscodes mehr und mehr casual werden?

Ich bin überzeugt, dass jede gute Garderobe, die dieses Namens würdig sein will, klassische Anzüge beinhalten muss – auch in Zukunft.

Was ist Ihr Lieblingsanlass, sich fein zu machen?

Wenn ich in die Oper gehe.

Was können deutsche Männer von italienischen lernen?

Ungezwungenheit.

Stil bedeutet für mich…

Sich wohl zu fühlen, demütig zu sein und nie die eigenen Wurzeln vergessen. Das ist, was mein Vater mir beibrachte. Er ist ein Mann mit großer Expertise, trotzdem bescheiden in seinem Auftritt.

Dieses Interview erschien zuerst in Braun EDITION Vol. 1 des UCM Verlag.

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