„Nachhaltigkeit ohne Profite ist nicht nachhaltig“

Nachhaltigkeit ist nicht gleich Nachhaltigkeit – sondern ein Prozess. Darin sind sich die Salongesprächsgäste von Martina Müllner-Seybold und Kay Alexander Plonka sicher. Es diskutieren die Inhaberin von Lovjoi, Verena Paul-Benz, Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter Mey und Gründer von Mey Story, Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt & Director Marketing Communications Messe Frankfurt sowie Bernd Hausmann, Gründer des Eco Fashion Store Glore.

Interview: Martina Müllner-Seybold, Kay Alexander Plonka. Text: Veronika Zangl. Fotos: Yorick Carroux


Jedes Jahr werden 100 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Ist diese Branche eigentlich noch zu retten?


Matthias Mey, geschäftsführender Gesellschafter Mey und Mey Story: Wir müssen zuerst den Begriff Nachhaltigkeit klären. Sprechen wir nur von Biobaumwolle oder auch von fairen Produktionsbedingungen? Für mich ist bio nicht gleich nachhaltig, gerade wenn das Produkt nur BCI-zertifiziert ist. C&A ist beispielsweise weltweit der größte Anbieter von Biobaumwolle. Ein Biobaumwoll-BH für 2,99 Euro – kürzlich gesehen im Schaufenster bei C&A – ist dies nachhaltig? Für mich hat dies nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Aktuell gibt es große Versprechen vieler vertikaler Unternehmen in den nächsten fünf Jahren zu 100 Prozent auf Biobaumwolle umzustellen. Für mich sind solche Ankündigungen reines Greenwashing, kein echtes Bemühen um Nachhaltigkeit. Daher hat dies für mich wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. Bedenkt man außerdem, dass immer noch nur ein geringer Anteil der weltweiten Baumwollproduktion biologisch ist, sind diese Ziele aktuell recht unrealistisch.

Die weltweite Produktion von Biobaumwolle liegt bei ca. fünf Prozent. Da wir ausschließlich extra langstapelige Baumwolle im Wäschebereich verwenden und unser Anteil an weißer Wäsche sehr hoch ist, können wir nur die feinste und reinste Biobaumwolle einsetzen. Das Angebot am Weltmarkt liegt hier vielleicht bei 0,1 Prozent.


Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt und Director Marketing Communications Messe Frankfurt: Der Punkt ist, dass Nachhaltigkeit einer Evolution unterliegt. Was vor fünf Jahren nachhaltig war, ist nicht deckungsgleich mit dem, was heute oder in fünf Jahren nachhaltig sein wird. Wir müssen den Begriff immer neu definieren. Wie stark können wir in nächster Zukunft Zertifikate einbeziehen, welche neuen sollten hinzukommen? Es ist wichtig, dass sich die Definition von Nachhaltigkeit immer weiterentwickelt.


Verena Paul-Benz, Inhaberin Lovjoi: Der Gedanke der Evolution ist sehr schön. Was früher einmal reichte, um als nachhaltig zu gelten, ist bereits überholt. Für mich definiert sich Nachhaltigkeit heute durch die Faktoren ökologischer Anbau, soziale Lieferbedingungen, Regionalität und vegane Materialien. Darüber hinaus geht es vor allem darum, dass man sich nicht mehr nur als Einzelunternehmen begreift, sondern sich auch Gedanken über das Big Picture und das Morgen macht. Wie könnte Nachhaltigkeit in Gesetzen verankert sein, die den Markt beeinflussen?

„Wir widersprechen uns täglich. Auf der einen Seite sagen wir dem Kunden, kauf weniger und kauf mehr Qualität, aber gleichzeitig möchten wir unseren Umsatz steigern, um die Branche nachhaltiger zu machen.“ Bernd Hausmann, Gründer Glore


Bernd Hausmann, Gründer Glore: Ich denke, dass die Branche überrannt wird. Jeder muss plötzlich nachhaltig sein, aber technisch sind wir überhaupt noch nicht soweit. Wir haben ein Prozent Biobaumwolle und in vielen Bereichen wird noch per Hand verarbeitet. In der Hanfproduktion gibt es teilweise überhaupt keine Erntemaschinen, von fairen Arbeitsbedingungen und gerechten Löhnen ganz zu schweigen. So schnell wie die Großen es gerne ändern würden, ist Nachhaltigkeit faktisch gar nicht realisierbar. Deswegen bin ich auch der Meinung, dass gerade bei den Vertikalen viel Greenwashing stattfindet. Sie picken sich kleine Produktionsschritte aus ihrer Kette, die umweltverträglich oder fair sind. Damit wollen sie den Leuten weismachen, dass nachhaltig produziert wurde.


Laufen wir Gefahr, dass die Nachhaltigkeit, die von mutigen, oft selbstlosen Pionieren angeschoben wurde, wieder nur die Geschäfte von Multis befeuern?


Verena Paul-Benz: Vielen kleinen Ökobrands fehlt der Zugang zum Markt, sie haben schlicht die Distribution nicht. Das liegt nicht daran, dass sie keine Professionalität oder keine Lieferfähigkeit hätten, sondern auch daran, dass der konventionelle Händler sich viel zu wenig informiert. Ich bin immer wieder schockiert, wenn ich auf Messen stehe, dass trotz Fridays for Future und trotz der grünen Wahlsiege immer noch so wenig Interesse aus dem konventionellen Handel an nachhaltigen Brands besteht.


Thimo Schwenzfeier: Aus Sicht des Messeveranstalters würde ich es anders formulieren: Interesse ist da, aber der Mut zur Umsetzung fehlt. Der Handel befindet sich in einer krassen Transformationsphase. Die Händler verlieren Umsatzbringer, die seit vielen Jahren für gute Geschäfte gesorgt haben. Die Margen schwinden. Ehrlicherweise muss man aber auch sagen, dass nachhaltige Labels oft noch nicht die Größe, die Marketing-Power oder Bekanntheit haben, die Nachfrage entsprechend anzutreiben. Was ich nicht gelten lasse, ist das Argument, das Angebot sei noch nicht groß genug: Auf unserer Messe waren 170 Labels, auf der gesamten Berliner Fashionweek waren es insgesamt – je nach Kriterien – bis zu 270 grüne Labels.


Bernd Hausmann: Richtig, konventionellen Händlern fehlt es an Mut, weil sie unter extremem Druck stehen. Das ist wie in der Automobilindustrie, die verkauft auch gerade noch mit allem Nachdruck SUVs, obwohl wir uns alle einig sind, dass das nicht die Zukunft sein kann. In dieser Unsicherheit setzen viele dann doch lieber auf altbewährte Marken anstelle der unbekannten Newcomer.


Es ist leider noch viel tragischer. Wenn wir Nachhaltigkeit ansprechen, hören wir oft von Händlern: Wird nicht nachgefragt im Laden. Aber auf der Neonyt gab es dazu einen Vortrag, der dieses Argument enttarnt hat. In einer Konsumentenbefragung wurde nämlich nachgewiesen, dass diese Frage die Konsumenten sehr wohl umtreibt, dass allerdings der überwiegende Teil der Kunden sie der Marke oder dem Internet stellt. Nur 27 Prozent der befragten Kunden nannten den Handel als ihren Ansprechpartner. Ist dem Handel also die Themenführerschaft abhanden gekommen?


Thimo Schwenzfeier: Ja, die Reaktionen auf diese Zahlen waren spannend. Einer vom Format eines Mark Ramelow, der im Publikum saß, erkennt das auch: Er sagte, es kann doch nicht sein, dass wir als Händler die Glaubwürdigkeit als Vermittler verlieren.


Matthias Mey: Übrigens auch einer der ersten Händler, der sich zu diesem Thema bewegt hat. Das Modehaus Ramelow hat all seine Lieferanten angeschrieben und über ihre Initiativen zur Nachhaltigkeit befragt und sich nicht mit Zertifikaten oder Greenwashing abspeisen lassen. Diese Befragung hat wirklich tief geschürft. Auch wir fanden es spannend, uns einmal wieder so tiefgehend mit den Fragen auseinanderzusetzen.


Um auch das Zertifizierungsthema intensiver anzusprechen. Habt ihr dazu Erfahrungen?


Matthias Mey: Ja, eine ganz aktuelle Erfahrung. Wir hatten uns zuletzt intensiv mit Zertifikaten auseinandergesetzt, weil wir nach einer Alternative zu GOTS gesucht haben, um auch unsere konventionellen Produkte zertifizieren zu lassen. Am Ende hielten wir die Fair Wear Foundation (FWF) für unsere Marke als eines der besten Zertifikate. Eine Anfrage an FWF hatte sich sehr schnell erledigt. Wir wurden abgelehnt! Mit der Begründung, dass wir in völlig unkritischen Ländern wie beispielsweise Portugal, Ungarn oder Polen produzieren. Stellt man sich nun vor, unsere Produkte „ohne Zertifizierung“ liegen später neben einem in Bangladesch produzierten, aber dafür zertifizierten Produkt eines Mitbewerbers, frage ich mich schon, welches Produkt intuitiv auf den Konsumenten nachhaltiger wirkt. Zertifikate beruhigen zunächst einmal das Gewissen des Verbrauchers, mehr nicht.

„Zu echter Nachhaltigkeit gehört auch, dass man profitabel arbeitet, daher halte ich es für völligen Quatsch, dass man nachhaltigen Labels ihr Gewinnstreben abspricht.“ Matthias Mey, Geschäftsführender Gesellschafter Mey und Gründer Mey Story


Thimo Schwenzfeier: Was hältst du von einem Meta-Siegel wie dem Grünen Knopf? Die unterschiedlichen Zertifizierungen sind für die Kunden und die Verkäufer ja fast wie ein undurchdringbarer Dschungel.


Matthias Mey: Das glaube ich auch. Letztendlich braucht der Konsument eine Orientierung. Ich persönlich würde mir etwas wie die Energieeffizienz-Klassifizierung bei Elektrogeräten wünschen. Ein einheitliches Zertifikat, welches eine Klassifizierung beinhaltet. Ein Beispiel: Unsere NOS-Produkte können wir den härtesten Zertifizierungen unterziehen – beispielsweise Bluesign –, bei welchen der gesamte Wertschöpfungsprozess bis zum Vorlieferanten genauestens überprüft wird. In der Gesamtheit und Komplexität einer Fashionkollektion mit ständig wechselnden Zutaten ist dies bereits in diesem Umfang nicht mehr möglich. Aktuell stammen beispielsweise 95 Prozent unserer Lieferanten aus Europa. Gerade sind zwei Buntbandhersteller in die Insolvenz gegangen, weil sie dem internationalen Preisdruck nicht mehr Stand halten konnten. In der Konsequenz bedeutet dies auch für uns, dass wir uns nun mehr in Richtung Asien orientieren müssen. Dies bedeutet nicht, dass die Qualität oder der Aspekt der Nachhaltigkeit hier nicht mehr gegeben ist, dennoch wird die Transparenz unserer Philosophie entsprechend anspruchsvoller.

Hinzukommt, dass auch wir zunehmend dem Preisdruck ausgesetzt sind und marktpreisfähige Eckpreislagen erzielen müssen. Mit über 1.000 Mitarbeitern in Lohn und Brot müssen auch wir wirtschaftlich denken. Das Textilbündnis war daher eine gute Idee und zunächst ein guter Ansatz, eine Vereinheitlichung zu erzielen. Mein Bruder, welcher das Thema Nachhaltigkeit in unserem Unternehmen treibt, war zunächst skeptisch, ob wir alle Anforderungen auch erfüllen können. Als wir dies geprüft hatten und zu dem Entschluss kamen, beizutreten, sind Unternehmen wie Primark oder Kik mit Absichtserklärungen beigetreten. In diesem Moment war klar, dass wir nicht das gleiche Siegel tragen können und wollen wie beispielswiese diese Firmen.

Am Enden wird der Konsument doch im Glauben gelassen, es handle sich um gleichwertige Produktionsstandards und Billiganbieter werden durch diese Vereinheitlichung auf eine deutlich höhere Stufe angehoben beziehungsweise profitieren von vielen anderen Marken, die sich tatsächlich und intensiv um das Thema Nachhaltigkeit kümmern.


Verena Paul-Benz: Das stimmt. Sehr viele haben Angst vor dieser Situation und schrecken deshalb vor dem Grünen Knopf zurück, damit es ihnen nicht das Image verhagelt.


Thimo Schwenzfeier: Wir haben versucht, genau das dem Minister und seinem Team zu vermitteln. Beim Grünen Knopf ist man der Meinung, dass es wichtig ist, in die Umsetzung zu starten und dann im laufenden Betrieb die Feinheiten zu justieren. Aber dieser erste Schritt hat so viel Gewicht. Loslaufen, ohne genau das Ziel zu kennen, ist schwierig. Unsere Position ist also, dass wir Meta-Siegel wie den Grünen Knopf grundsätzlich unterstützen, aber die Umsetzung für verbesserungswürdig halten.

Bernd Hausmann: Man muss auch eingestehen, dass den Kunden diese Siegel kaum interessieren. Hauptsache es steht da Biobaumwolle, egal ob GOTS zertifiziert oder nicht. Ich finde es aber wichtig, dass eine neutrale Instanz auf die Supply Chain schaut.


Meistens beschäftigt sich die jüngere Generation mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ist das der Grund, warum der klassische Fachhandel noch so wenig darauf gibt? Weil er eine eher ältere Zielgruppe bedient?


Bernd Hausmann: Das Argument untermauern Händler wie Zalando oder About You. Beide setzen inzwischen auf Nachhaltigkeit und haben ein jüngeres Publikum.


Thimo Schwenzfeier: Zalando hat sehr viele junge Mitarbeiter. Das heißt, da sitzen Leute, die vielleicht noch selbst auf Fridays-for-Future-Demonstrationen gehen. Auf diese Weise bekommt das Thema schneller Gewicht und erreicht auch die Chefetage. Der klassische stationäre Händler, wie wir ihn kennen, bedient eher ein älteres Publikum. Da heißt es klar: Fashion First. Und einige nachhaltige Labels sind immer noch nicht Fashion genug.


Matthias Mey: Das stimmt, aber es ändert sich. Bei Mey Story profitieren wir gerade sehr davon, dass wir hochwertigen Händlern eine nachhaltige Story bieten können. Weil es eben doch spannend ist für den Konsumenten.

„Zum Gesamtprinzip von Nachhaltigkeit zählt für mich, dass jeder von seinem Stück des Kuchens satt wird.“ Verena Paul-Benz, Gründerin Lovjoi


Verena Paul-Benz: Wir nachhaltigen Labels dürfen den Fashion-Grad nicht außer Acht lassen. Aber: Je modischer das Kleidungsstück ist, desto teurer wird die Produktion. Spitzenapplikationen und nachhaltige Pailletten kosten schon aufgrund ihrer technischen Voraussetzungen und Einkaufspreise deutlich mehr. Erstaunlicherweise akzeptiert man in der konventionellen Mode hohe Preise ohne Murren. Da würde niemandem einfallen, sich darüber zu beschweren, dass Gucci zu teuer sei. Uns nachhaltigen Brands allerdings wird Luxus schnell zum Vorwurf gemacht. Dabei ist es wichtig für diesen Markt, dass auch er eine Varianz an Preislevel und Modegrad entwickelt. Genau so, wie wir es von der konventionellen Mode auch kennen.


Wäre es heute nicht auch eine politische Aufgabe, einzupreisen, was ein T-Shirt für drei Euro verursacht? Es zerstört ja nicht nur Ressourcen, sondern auch die Umwelt.


Thimo Schwenzfeier: Die Diskussion einer CO2-Steuer. Das Problem ist die liberale Weltwirtschaftsordnung. Verbote werden mit Kommunismus gleichgesetzt, als würde davon unsere Gesellschaft untergehen. Die Politik ist gefordert, Rahmenbedingungen für eine soziale, marktliberale und umweltverträgliche Wirtschaft zu schaffen.


Bernd Hausmann: Seit ich vor 14 Jahren Glore gegründet habe, diskutieren wir die Frage, warum Nachhaltigkeit so zäh vorangeht. Liegt es am Konsumenten oder am Handel, braucht es die Politik? Selbstverständlich muss die Politik Rahmenbedingungen schaffen. Im Moment erlebt Nachhaltigkeit vor allem dann einen Boom, wenn Katastrophen wie Rana Plaza passieren, das ist zynisch, aber auch in der Energiepolitik hat es Tschernobyl und Fukushima gebraucht, um den Atomausstieg durchzubringen. Meine Erfahrung ist: Der erhobene Zeigefinger allein funktioniert nicht. Es braucht Marken, die verstehen, wie coole, begehrliche Produkte aussehen und sein sollen, und die professionell arbeiten.


Was triggert den Konsumenten, eine nachhaltige Brand zu kaufen?


Verena Paul-Benz: Marketing. Der springende Punkt ist ja, dass die großen Brands auch große Werbebudgets haben, mit denen sie sich aktuell gerade grün waschen.


Thimo Schwenzfeier: Für den Konsumenten in der Masse ist Mode, egal ob nachhaltig oder nicht, heute zunehmend ein Low-Interest-Produkt, was sehr schade ist. Tatsächlich ist es für viele wichtiger, das neueste iPhone zu besitzen.


Wie lassen sich eigentlich Fair Fashion und der schnelle Wandel, den die Mode fordert, vereinen?


Verena Paul-Benz: Das ist ein spannender Aspekt. Immer soll alles so schnell wie möglich auf den Markt gebracht und verkauft werden. Wenn sich Eco-Labels als Alternative zum konventionellen Markt beweisen wollen, schaffen sie das nur, wenn sie die Zyklen des konventionellen Marktes auch einhalten. Damit bewegen sie sich allerdings bereits in die gleiche Richtung wie die Fast Fashion. Das macht mir Gänsehaut und ich beobachte es mit großer Skepsis.


Bernd Hausmann: Wir widersprechen uns täglich. Auf der einen Seite sagen wir dem Kunden, kauf weniger und kauf mehr Qualität, aber gleichzeitig möchten wir unseren Umsatz steigern, um die Branche nachhaltiger zu machen. (lacht) Trends zu erfinden, war wohl die genialste Idee, die es im Marketing jemals gab. Kauf heute rot und morgen grün, auf die Idee, das alles aus der Mode kommt, muss man erst mal kommen! Die schrecklichste, aber auch genialste Idee der Modebranche, denn schließlich generieren wir so Umsatz. Aber diese Diskrepanz wird uns immer begleiten.


Wer sollte denn Regie führen, wenn es darum geht, echte Nachhaltigkeit zu etablieren – die Marke, der Vertrieb, der Händler?


Verena Paul-Benz: Definitiv die Brand.


Matthias Mey: Ganz klar, die Brands. Und weil zu echter Nachhaltigkeit auch gehört, dass man profitabel arbeitet, halte ich es für völligen Quatsch, dass man den nachhaltigen Labels ihr Gewinnstreben abspricht. Auch wir Familienbetriebe müssen Gewinne machen, sonst können wir künftig keine Mitarbeiter bezahlen.


Im Gegensatz zu den internationalen Firmen werden eure Gewinne ja auch in Deutschland versteuert.

Matthias Mey: Genau, wir versteuern sie in Deutschland, was im Endeffekt eine Wettbewerbsverzerrung darstellt, die uns verglichen mit Firmen, die internationale Steuerschlupflöcher nutzen, einen Nachteil einbringt. Aber das ist ein anderes Thema, das hier zu weit führen würde. In der Wertschöpfungskette stelle ich gerne die Frage, welche Rolle der Handel übernimmt. Wie viel vom VK-Preis nimmt die Marke, wie viel der Händler? Ich finde, guten Händlern steht ein großer Teil davon zu. Sie sorgen für gut ausgebildetes Personal auf der Fläche, das Argumente für hochwertig hergestellte Produkte liefert.

Dadurch können höhere Preise erzielt werden und in Summe weniger Abschriften, davon leben wir. Zunehmend schwer fällt mir dies bei den Händlern, welche bei bestehender Fläche immer weniger Personal einsetzen. Das wird langfristig, zumindest für unserer Produkte, nicht funktionieren.


Verena Paul-Benz: Genau hier schließt sich für uns der Kreis. Ich finde es sehr wichtig, den Handel in den Nachhaltigkeitsaspekt miteinzubeziehen. Es hört nicht damit auf, dass ich als Marke sage, ich produziere fair, ökologisch und nach mir die Sintflut. Wir haben immer das Kuchendiagramm vom T-Shirt vor uns und sehen, dass der Näher zu wenig verdient. Aber was ist mit dem Händler? Der muss doch genauso davon leben können. Zum Gesamtprinzip von Nachhaltigkeit zählt für mich deshalb, dass jeder von seinem Stück des Kuchens satt wird.


Matthias Mey: Das größte Problem ist die fehlende Preishoheit. Wir Marken haben keinen Durchgriff auf den VK-Preis, deshalb ist es zwischenzeitlich so, dass der Schwächste den Markt diktiert. Sprich, der Schwächste in der Kette fängt extrem früh an Ware zu reduzieren und setzt damit die starken Händler unter Druck. Dies macht Preise inflationär und gerade die guten Händler verlieren unnötig Marge.


Verena Paul-Benz: Ja, aber du machst dich als Brand auch selbst kaputt, wenn du mit den Mindestmengen zu stark nach oben gehst und dadurch das Volumen in die Höhe treibst. Der Händler wird diesen Überschuss nicht mehr los und reduziert zu viel, wodurch dein Image leidet. Die Brand sollte also einfach globaler denken, immer einen oder zwei Schritte voraus.

Matthias Mey: Wir haben es bei den guten Händlern immer auch mit einem neuen, vertikalen Wettbewerb zu tun. Nehmen wir beispielsweise in den USA Everlane mit seinem Konzept des Transparency Pricing. Everlane macht seine Lieferkette und Produktionsschritte recht transparent. Ein nicht zu unterschätzender Ansatz in der Diskussion zum Thema Nachhaltigkeit. Wir diskutieren viel zu exklusiv über das Thema Bio und Organic Cotton, stattdessen sollten wir viel intensiver die gesamte Prozesskette in punkto Nachhaltigkeit betrachten und bewerten.

Unsere Strategie ist, sukzessive dem Endverbraucher Einblicke in unsere Produktion zu gewähren, egal ob an unseren eigenen Standorten in Deutschland, Portugal oder Ungarn oder auch in einem unserer Partnerbetriebe in Osteuropa oder der Türkei.

„Nachhaltigkeit unterliegt einer Evolution.“ Thimo Schwenzfeier, Show Director Neonyt und Director Marketing Communications Messe Frankfurt


Thimo Schwenzfeier: Ich glaube, dass auch der negative Impact eines Produkts bemessen und eingepreist werden muss. Anders sehe ich keine Lösung für den gewaltigen Einfluss, den unsere Industrie auf die Umwelt hat. Was auch immer negativen Impact hat, sollte mit einem Pricetag versehen werden. Dieser kann individuell ausgehandelt werden, auch regional. Denn selbstverständlich wird der Pricetag in Deutschland anders zu bewerten sein als der in Bangladesch. Der Grundgedanke ist allerdings wirklich spannend. Ich bin überzeugt: Nur, wenn uns unsauber produzierte Produkte irgendwann im Geldbeutel treffen, werden wir unser Konsumverhalten ändern.


Welche Anreize sind dafür nötig?


Thimo Schwenzfeier: Da überfordert man jetzt natürlich die Textilbranche an sich. Die Frage ist ja auch, welches Ziel ich mir setze. Ich glaube, dass man die nachhaltige Branche professionalisieren muss, um sie zum Wachstum zu animieren. Meine Definition von Nachhaltigkeit ist also auch Transparenz. Wir brauchen ein Siegel, eine dritte Instanz, die auf unser Handeln schaut.


Bernd Hausmann: Ich möchte noch eine Facette einbringen, über die wir bisher zu wenig gesprochen haben: regionaler Konsum und die Entstehung der regionalen Produkte. Nehmen wir den Bioapfel, der aus Chile kommt versus den Apfel vom Bodensee. Was ist jetzt besser, was nachhaltiger? Wir konsumieren in Deutschland und deshalb müssen wir auch die CO2-Bilanz mit in Betracht ziehen. Ohne diese Betrachtung haben wir irgendwann ein großes Ungleichgewicht.

Verena Paul-Benz: Außerdem wäre es gut, wenn der Verbraucher beginnt, über die Geld- und Kreislaufwirtschaft nachzudenken. Das heißt, wer im Supermarkt einkauft, der gibt sein Geld einem Konzern. Deshalb ist es nützlich, regional einzukaufen. Davon sind wir aktuell allerdings meilenweit entfernt. Deshalb ist meine Hoffnung, dass das irgendwann Stufe für Stufe passiert.


Ist Nachhaltigkeit die Chance, dass die Mode endlich ein anderes Argument lehrt, als: Kauf das, weil es neu ist?


Matthias Mey: Es wäre sinnvoller, mehr ins Produkt zu investieren und zu sagen: Ich kreiere Lieblingsteile und biete sie zu einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis an. Das ist auch unser Ansatz. Wir produzieren Stücke, die ganz oben im Schrank liegen, weil man sich darin am wohlsten fühlt. Diese Richtung gepaart mit dem Thema Nachhaltigkeit ist eine tolle Kombination.


Verena Paul-Benz: Ich finde, die Halbwertszeit eines Produktes zu verlängern, es so harmonisch und perfekt zu gestalten, dass die Aufmerksamkeit lange währt, ist ein ganz spannender Punkt.


Vielen Dank für das Gespräch!



Dieser Artikel erschien zuerst in der style in progress 4.19.

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