Was geben Sie auf Äußerlichkeiten, Herr Kaufmann?

Schön, talentiert und ambitioniert: Eine gefährliche Mischung für einen Mann, der in der Welt der klassischen Musik ernst genommen werden will. Doch darum braucht sich Tenorissimo Jonas Kaufmann längst keine Sorgen mehr zu machen.


Text: Martina Müllner-Seybold


Das muss man sich mal trauen: Als weltweit gefeierter Tenor mit Helene Fischer ein Duett zu singen. Oder zu sagen, dass man gerne in einem Operettenfilm wie „Das Weiße Rössl“ spielen und singen würde. An der Mailänder Scala als Deutscher die schmissigen Lieder von Puccini zu interpretieren und daran sicht- und hörbare Freude zu haben.


Jonas Kaufmann ist ein Klassikstar, der sich all das erlauben darf und trotzdem an die Met, ans Royal Opera House, nach Bayreuth oder zu den Salzburger Festspielen gerufen wird. Die Aufgeregtheit, mit der die Welt der klassischen Musik all das vermeintlich Triviale und Ernsthafte zu kommentieren weiß, scheint den gebürtigen Münchner nicht zu kümmern. Er ist nahbar geblieben, trägt sein Herz auf der Zunge und schon deshalb ein gefragter Gesprächspartner. Um sein Aussehen macht er wenig Aufhebens, auch wenn der smarte Sänger weiß, dass ihm die langstieligen roten Rosen nicht ohne Grund zu Füßen liegen. Ein Mann, für den sich die seriösen Branchenmedien genauso eifrig interessieren, wie die Großdruckillustrierten. Beiden schenken Vita und Vitae des Ausnahmekünstlers genug Stoff für Heldensagen: Die verordnete Stimmruhe nimmt Jonas Kaufmann wörtlich, die Spekulationen kochen hoch. Während die einen das drohende Ende der Ausnahmestimme heranschreiben, phantasieren andere, das Unglück sei privaten Ursprungs. Das nichts davon stimmt – und nichts davon kommentiert werden muss, macht dann erst den echten Helden aus. Und natürlich kehrt er zurück, größer als vorher, stimmlich gereift und noch ein bisschen einmaliger.


Bild (c) Gregor Hohenberg


Der Opernstar mit Modelqualitäten


Es ist in der Klassikwelt fast ein Tabubruch: Werbung zu machen, mal für das Modelabel Strenesse, dann für den Autohersteller BMW. Jonas Kaufmann darf, weil die Komplimente für seine Arbeit genauso enthusiastisch ausfallen. „Brangelina on Stage“ nannte die New York Times das wohl erfolgreichste Gespann der Klassikszene: Jonas Kaufmann und seine Traumpartnerinnen. Anna Netrebko zum Beispiel, ein Bühnenpaar, das schon in verschiedenen Produktionen für frenetischen Jubel gesorgt hat. Erst, als man beider Stern in Salzburg fast zeitgleich aufsteigen sah, später, als sie sich in London am jeweiligen Stimmzenit wieder trafen. An Leidenschaft in Spiel und Gesang einander ebenbürtig, da wundert es nicht, dass die Karten für einen solchen Opernabend am Schwarzmarkt für bis zu 4.000 Euro gehandelt wurden.


Doch der Goldjunge aus München will sein Talent nicht wahllos verschleudern und weiß um die Empfindlichkeit seines Kapitals. Während andere ihren Kalender vollpacken, bis die Stimmbänder streiken, will Jonas Kaufmann Mitsprache haben. Will seine Regisseure verstehen, seine Engagements sorgfältig auswählen. Doch aller selbst auferlegter Mäßigung zum Trotz, manchmal gewinnt man den Eindruck, dass ihn die Lust am Tun herausfordert wie eine Verdi Partie. „Ständig muss man sich ermahnen, seine Kräfte nicht zu verpulvern – und ständig verleitet Verdi einen dazu, 120 Prozent zu geben“, schreibt Jonas Kaufmann im Interview mit Christine Lemke-Matwey von der Zeit dem Komponisten posthum ins Stammbuch. Ein Moment, auf den das Publikum hinzufiebern scheint, bei jedem seiner Auftritte: Wenn er seinen baritonalen Tenor Arie für Arie, Partie für Partie steigert, sich irgendwann, oft mehrmals, einfach hingibt. In dieser Lust an der Hingabe mag seine Liebe zu – Achtung, böses Wort in der klassischen Musik – einfachen Komponisten wie Puccini begründet liegen. Im Spiegel-Interview sagte er über den Komponisten: „Er weiß, welchen Knopf er drücken muss. Es ist ein bisschen wie beim Sex, den kann man ja auch mit Genuss wiederholen. Seine Musik hat etwas, das uns befriedigt. Wagner arbeitet zwei Stunden auf einen musikalischen Höhepunkt hin, Puccini hat in einer Oper gleich mehrere. So eine Arie wie "Nessun dorma" aus "Turandot", das ist Magie.“ Angesichts solcher Sprüche, mag die PR-Abteilung des Unternehmens Jonas Kaufmann die Hände über dem Kopf schlagen. Das Volk jubelt. Und Jonas Kaufmann ist einer, der gerne mitjubelt. Wenn der FC Bayern mal wieder Meister wird, zum Beispiel, dann trällert er auch gerne mal den Operetten-Kassenschlager „Du bist die Welt für mich.“ Dass er gefühlt am nächsten Tag schon Wagners Lohengrin – eine Paraderolle für einen Tenor von Kaufmanns Klasse – in Bayreuth singt, passt ins Gesamtbild, dass der Schöne von sich entwirft. Kuratiert er es, pflegt er es? Seine Latin-Lover-CD-Cover mit coolem Dreitagebart lassen es vermuten.


Dass Frauen diesen Aufwand treiben, ist nicht nur in der Welt der klassischen Musik unhinterfragt. In diesem Sinne wirkt einer wie Jonas Kaufmann schon fast wie ein Feminist. Weil er das, was nur den Sängerinnen zugemutet oder zugestanden wird (eine Frage der Perspektive, oder?) auch für das männliche Geschlecht beansprucht. Aus einer unbeugbaren Sicherheit: „Das Wichtigste muss die Stimme bleiben – wenn es nur um Äußerlichkeiten geht, will ich eigentlich nichts damit zu tun haben.“ Wahre Worte einer Jahrhundertstimme.





Dieser Text erschien zuerst in Braun EDITION Vol.3 des UCM Verlag.

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