„Was geben Sie auf Äußeres, Herr Mueller-Stahl?“

Weil er kann – oder vielmehr: Weil er nicht nur das eine kann. Der 1930 geborene Universalkünstler Armin Mueller-Stahl ist Maler, Musiker, Schriftsteller – aber vielen vor allem als Schauspieler ein Begriff. Genau diese Profession hat er zugunsten seiner anderen Begabungen aufgegeben. Statt mimisch Abbilder von Menschen zu schaffen, kreiert er selbst Bilder: Als Maler ist der 88jährige sein eigener Regisseur, Autobiograph und Chronist: Was ihn begleitet und bewegt, findet in seinen Bildern Ausdruck. Ob schnelle Skizze in ein Drehbuch oder farbgewaltiges Ölbild, in Armin Mueller-Stahls Werk sind viele Stationen seiner spannenden Vita zu lesen: Von der verlorenen Heimat, den „drei Deutschland“, von Ruhm und Bekanntheit, von Mueller-Stahls Wahlheimat Kalifornien, von Wegbegleitern und Herzensmenschen. Werke, so dicht wie das erfüllte Leben eines Mannes, der nicht nur auf eines seiner zahlreichen Talente reduziert werden sollte.

Sie nennen die Malerei „fliegen“ – und doch ist es zunächst ein physischer Prozess, der Erdung, Bodenhaftung und Handwerkszeig bedingt. Wie haben Sie es überhaupt geschafft, in diesem bewegten und beschäftigten Leben Zeit dafür zu finden, ihre Begabung zu trainieren und perfektionieren?

Ich habe in den Pausen während des Drehs oder der Theaterproben fast immer gezeichnet oder gemalt. Freiheit während der Arbeit. Fliegen bedeutet für mich Freiheit.

Sie betonen, dass die Kraft des Zufalls großen Stellenwert in Ihrer Arbeit besitzt. Wie viel Zufall regiert im Leben eines Ausnahmekünstlers wie Ihnen?

Das ganze Leben besteht aus Zufällen. Sie malen ein Bild, die Farben sind noch feucht. Dann stellen Sie das Bild zum Trocknen an die Wand. Daraufhin laufen die Farben nach unten über das Gemalte und es entsteht ein neues Bild. Das ist die Kraft des Zufalls.

Sie erwähnten einst in einem Interview, der Rucksack der Erinnerungen an die Großen der Kunst sei längst voll. Wenn Sie diesen Rucksack für sich selbst packen dürften – als was möchten Sie bleiben? Als Schauspieler, als Musiker, als Maler – oder als der vielseitig begabte Kreative, der das eine nicht gegen das andere aufwiegen möchte?

Eines steht für mich fest: Ich würde mich unter keinen Umständen in einen Rucksack zwängen. Wer sich nach meinem Tod mit mir beschäftigen will, bitte, sehr gerne. Wer das nicht möchte, damit habe ich auch kein Problem.

„Die Kunst ist zu mir gekommen“ sagen Sie – Sie wuchsen in einer Familie auf, die Ihren Talenten Raum gab. Halten Sie es heute mit Ihren Enkelkindern genauso?

Ja, unbedingt. Raum ist für mich essentiell zur persönlichen Entfaltung.

Sie sagen, Heimat wäre für Sie viel mehr ein Gefühl als ein Ort. Kann man Heimat in Bildern finden?

Gelegentlich, ja.

Das Kunstwerk, das Sie gerne besitzen würden? Oder ist Besitz in Zusammenhang mit Kunst nicht das richtige Streben?

Ganz ehrlich? Keines. Ich will keines besitzen.

Was geben Sie auf Äußeres, Herr Mueller-Stahl?

Zu wenig, sagt meine Frau. (lacht)

Sie bezeichnen sich als unpolitischen Menschen. Darf und kann man denn unpolitisch sein – gerade wenn man, so wie Sie es ausdrücken, viel Erfahrung mit schwachen Charakteren gemacht hat, die Lust an der Macht entwickeln. Muss man dann nicht warnen?

Ich warne, wenn es nötig ist. In Wort und Bild.

Sie haben Szenen Ihres Lebens aufgeschrieben und wichtige Momente daraus gemalt. Ist das Ihre Art Regie zu führen: Indem Sie das öffentliche Interesse an Ihrer Person lenken und die Rezeption steuern?

Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, wie ich rezipiert werde.

Dieses Interview erschien zuerst in Braun EDITION Vol. 1 des UCM Verlag.

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