Wozu braucht es die Deutschen, Herr Keen?


Andrew Keen ist Autor und weiß zu polarisieren: Mit jedem seiner Bücher löst der Internet-Kritiker Debatten aus und regt zum Nachdenken an. Dass er soziale Medien für unsozial hält, vermag er ebenso eingängig zu formulieren, wie er große Fragen nicht scheut. Sein neuestes Buch heißt „How to fix the future“. Warum der britisch-amerikanische Unternehmer dabei auf Deutschland setzt, verrät er im Interview.

Einer Ihrer Buchtitel lautet: Das Internet ist nicht die Antwort. Was ist also die Antwort?

Im Silicon Valley hat lange der Glaube geherrscht, Technologie würde alle Probleme lösen. Man war überzeugt, dass zum Beispiel das ständige Teilen auf sozialen Netzwerken bessere Menschen aus uns macht. Heute wissen wir: Das stimmt nicht. Die Antwort ist niemals einfach, deshalb fällt es auch mir schwer, eine einzige zu geben.


Versteht unsere Gesellschaft, welche tiefgreifende Veränderung die Digitalisierung mit sich bringt?

Die Folgen aus so einem technologischen Wandel abzusehen, ist, als ob Sie 1850 jemanden gefragt hätten, was die industrielle Revolution im Alltag verändern wird. Die meisten, die sich 1850 an Zukunftsprognosen versucht haben, lagen falsch und so liegen auch die meisten, die es 2018 tun, daneben. Artificial Intelligence allein ist ein Fass ohne Boden. AI wird die Arbeit für immer verändern – so viel ist sicher.

Ist unser politisches System denn gerüstet für die Zukunft?

Wir sehen uns ja gegenwärtig mit einem Erstarken des Populismus konfrontiert und es wäre ein Einfaches, dafür Social Media verantwortlich zu machen. Weil es so schwer ist, in diesem Fall Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Betrachtet man die Geschichte der Massenmedien, ist Social Media die jüngste Innovation – wir dürfen nicht vergessen, dass zum Beispiel das Fernsehen einen großen Anteil daran trägt, dass die heutige Entwicklung überhaupt ihren Gang nehmen konnte. Fernsehen ist Modus Vivendi für diese Leute – sowohl jene Menschen, die dem Populismus auf den Leim gehen als auch ihren Anführern. Sehen Sie sich den amerikanischen Präsidenten an – Fernsehen bestimmt sein Leben.

Aber er hat auch Twitter für sich entdeckt…

…und genau das ist die Achillesferse. Unsere Demokratien sind nicht dafür ausgelegt, unmittelbar zu sein. Um ein demokratisches Ergebnis herbeizuführen, brauchen Sie Zeit – und das wirkt in einem Zeitalter, in dem alles im Jetzt passiert, sagenhaft langsam. Das gilt insbesondere für die repräsentativen Demokratien in den angloamerikanischen Ländern. Wer sie untergraben will, schreit: Fake News! Ein genereller Vertrauensverlust in Journalismus, seine Unabhängigkeit und seine Quellen ist die Folge, was Populismus wieder begünstigt.

Was kann man dem entgegensetzen?

Wieder so eine Krux des Social-Media-Zeitalters. Ich erkläre das gerne am Beispiel des arabischen Frühlings: Ohne Social Media wäre er nicht möglich gewesen – aber auch sein Scheitern ist Social Media geschuldet. Weil es eben nicht reicht, im Internet Kampagnen zu machen, weil die Bewegung auch irgendwann real werden muss. Genau das ist die Herausforderung: Online-Aktivismus in politische Agenden zu verwandeln. Aktivisten, die den schnellen Erfolg des Internets gewöhnt sind, scheitern oft am langsamen Tempo politischer Realität. Dasselbe gilt für Bewegungen wie Occupy oder #metoo. In beiden Fällen war ihre schnelle virale Verbreitung beeindruckend. Aber leiten Sie mal echte Konsequenzen und Verbesserungen aus den Forderungen dieser Bewegungen ab – das ist ziemlich zermürbend.

Werden also auch die Populisten an der Umsetzung ihrer Parolen scheitern?

Das würde ich ihnen zumindest wünschen. Aber: Der Großmeister des Populismus, Steve Bannon, berät jetzt Orbán – wir werden uns also noch länger mit Populisten auseinandersetzen müssen.

Die davon träumen, sich zu vereinen…

Das braucht man nicht zu fürchten. Menschen mit diktatorischen Ambitionen sind generell keine Teamplayer. Schauen sie sich Trump und Erdogan an: Eigentlich müssten die ja das Bett teilen, so ähnlich sind sie sich in ihrem politischen Habitus. Aber sie sind sich spinnefeind. Die Geschichte lehrt uns, dass der Schulterschluss unter Anti-Demokraten nie geglückt ist. Was ich eher fürchte, sind Russlands Ambitionen, die EU und die USA zu destabilisieren. Ob Italien, Polen oder die USA, in all diesen Ländern haben russische Troll-Farmen Einfluss auf Wahlen genommen und sich die sozialen Medien zu Nutze gemacht, um ihre eigene Agenda voranzubringen. Alle Plattformen, die keiner Kontrolle und keinen Regeln unterliegen und nicht dem Ethos klassischer Medien verpflichtet sind, sind anfällig für Lügen und Quertreiber. Darin sind soziale Medien höchst unsozial.

Was braucht es also?

Es braucht die Deutschen. Deutschland hat sich in seiner Geschichte so oft als bravourös erwiesen, Erfindungen so zu adaptieren, dass sie einen gesellschaftlichen Nutzen haben. Deutsche verstehen es, ausgleichend zu wirken. Den Innovationen aus dem Valley ein bisschen deutsches Regulativ zu verpassen, das würde wirklich helfen.

Im Kleinen wie im Großen?

Ja, ich wünsche mir geradezu ein Erstarken der deutschen Stimme in der Weltpolitik. Angela Merkel ist der Anti-Trump! Wir brauchen diesen gesellschaftlichen Ausgleich, der außer in Deutschland vielleicht nur in Frankreich und den skandinavischen Ländern herrscht: Deutschlands Gesellschaft hat es im internationalen Vergleich am besten geschafft, Extreme zu vermeiden. Der Unterschied zwischen den Hoffnungsvollen und den Hoffnungslosen ist nicht so extrem. Ich lebe in San Francisco, die Situation der Obdachlosen in dieser Stadt ist bedrückend. Sie haben nicht nur ihr Zuhause verloren, sie haben alle Chancen verloren. Diese Hoffnungslosigkeit gibt es nicht nur in amerikanischen Großstädten, es gibt sie auch in mittelgroßen Städten und am Land. Menschen, die drei Jobs haben und trotzdem jedes Jahr ärmer werden, und vor allem: Menschen, die keine Chance haben, aus dieser Spirale jemals wieder herauszukommen – weil unser Staat eben nicht regulierend eingreift. Die Geschichte warnt uns: Immer wenn der Unterschied zwischen jenen mit Chancen und denen ohne zu extrem wird, braucht es einen Krieg oder zumindest eine Katastrophe, die das Ungleichgewicht wieder nivelliert. Das Fehlen der Mitte wirkt destabilisierend, die Gefahr, dass etwas kippt, wächst.

Die Mitte ist das erste Opfer der Digitalisierung?

Ja, denken Sie an Wal-Mart, die US-amerikanische Handelsikone. Wir können zusehen, wie sie der Erfolg von Amazon bei lebendigem Leibe auffrisst. Für alle Produkte des täglichen Bedarfs ist Online-Bestellen einfach unglaublich effizient und bequem. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht: Für alles Hochwertige, für alles Außergewöhnliche erlebt der stationäre Handel geradezu eine Renaissance. Denn wir bleiben Menschen. Bei aller Effizienz, die das Internet in unser Leben gebracht hat, brauchen wir das physische Erleben. Denken Sie an Online-Dating: Wunderbar, welche Möglichkeiten Ihnen das Matchmaking im Internet eröffnet! Sie lernen Menschen kennen, die Sie früher nie kennengelernt hätten. Aber irgendwann müssen Sie physisch werden: Sich treffen, den anderen kennenlernen. Das kann nie ersetzt werden und das trifft auch für den Handel zu.

Sie beschäftigen sich intensiv mit dem Thema Zukunft. Zu welchem Beruf raten Sie jungen Menschen?

Mein Mantra lautet: “Go where the algorithm can´t go”. Alles, was Maschinen nicht erlernen können, ist unsere Zukunft. Empathie, Kreativität, Feingefühl, Erlebnis, Interaktion. Lustigerweise träumt mein Sohn gerade davon, den Modehandel auf den Kopf zu stellen – mit einem echten Laden, keiner Digitalbude. Und das bei einem Vater, der so ziemlich der unmodischste Mensch ist, den man sich vorstellen kann. Ich habe meine Uniform: Schwarzes Jackett, schwarzes Hemd oder Shirt, schwarze Hose, besonders, wenn ich unterwegs bin, vereinfacht mir das vieles. Aber unsere Familie war früher im Textilbusiness tätig, meine Mutter war eine unglaublich elegante Frau. Das hat wohl nur eine Generation übersprungen! (lacht)

Dieses Interview erschien zuerst in Braun EDITION Vol. 1 des UCM Verlag.

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