Was haben Mode und Kostüm gemeinsam, Herr von der Thannen?


Von der Zeitschrift „Opernwelt“ wurde er schon mehrmals zum Kostümbildern des Jahres gewählt und Vivienne Westwood äußerte sich kürzlich öffentlich als sein Fan: Reinhard von der Thannen beeinflusst seit mehr als 20 Jahren die Theater-Szene mit seinen phantasievollen und außergewöhnlichen Kreationen.


© Salzburger Festspiele / Monika Rittershaus

Wie wurden Sie Kostümbildner? Hat Sie die Mode schon immer fasziniert, Ihr Sie Elternhaus dahingehend geprägt oder…?

Zunächst muss ich sagen, dass Modedesign und Kostümdesign zwei unterschiedliche Bereiche sind. Obwohl an der Mode das Theatralische und beim Kostümdesign das Modische interessant ist. Beide Richtungen inspirieren sich also.

Meine Eltern liebten den Fasching und erfanden die schrägsten Verkleidungen, die sie

aufwändig umsetzten. Ich konnte schon als Kleinkind sehr gut zeichnen, hatte eine überbordende Phantasie und war sehr musikalisch. Als Jugendlicher änderte sich mein Berufswunsch täglich – vom Organisten der Pfarrgemeinde, Tänzer einer klassischen Kompanie, Entertainer à la Peter Alexander und bildendem Künstler wie Salvadore Dalì war alles angesagt. Die Liebe zur Mode und zum Kostüm entwickelte sich während des Studiums an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Dort habe ich Bühnen-, Kostüm- und Filmgestaltung studiert. Mein Professor Erich Wonder war damals ein Superstar der Theaterwelt und Karl Lagerfeld hatte ein Stockwerk über uns Theatermachern eine Modeprofessur. Da bin ich oft dazu geschlichen…

Sie haben schon an den verschiedensten internationalen Häusern Bühnen- und Kostümbilder geschaffen und in Ihrer eigenen Ausstattung inszeniert: Haben Sie dabei Unterschiede in den verschiedenen Regionen festgestellt? Anders formuliert: Ist das Hamburger Publikum modisch anders aufgestellt als das Salzburger?

Ja – einmal arbeite ich für jede Stadt, jedes Theater selbst völlig unterschiedlich. Ich bereise den Ort lange im Voraus, setze mich in den Zuschauerraum, erkunde die Umgebung und lasse alles auf mich wirken. Ich arbeite sozusagen exklusiv für ein Haus, einmalig und originell. Ich versuche die Kultur in meine Konzeptionen einfließen zu lassen: die Farben, die Trachten, die Architektur und so weiter. In jedem Land sieht die Gesellschaft der Theaterbesucher völlig anders aus – in Paris vielleicht am geschmackvollsten, in Las Palmas am folkloristischsten, in Hamburg am ordentlichsten: Noch beherrscht die blütenweiße Bluse und das blaue Kostüm, der blaue Hosenanzug, der blaue Faltenrock in allen Varianten das Parkett – dazu die etwas sehr starr toupierte Frisur…. Aber warum nicht? Ich mag auch den Duft von Lavendel und Kölnisch Wasser – er ist zuverlässig wie ein Fischkutter.

Inwiefern zeigt sich die Mode von der Kunst beeinflusst und vice versa?

Mode muss sich extrem vielen Herausforderungen stellen: Hält das Material den Anforderungen stand, reicht die Originalität der Entwürfe, sind die Produkte bezahlbar und und und… Auf den Laufstegen der Modewelt wird zusätzlich vieles präsentiert, das sehr viel mit Kostümdesign zu tun hat. Es muss auffallen, um einen theatralischen Unterhaltungswert zu bieten, Trends zu bedienen, gekauft zu werden. Natürlich sehe ich bei Events und Galas oft tolle und ausgefallene Outfits, die mir ein Wow entlocken. Das sind aber die Bonbons des Modegeschäfts. Es wäre auch sehr schwierig, im Alltag in Korsage und wogendem Tüllrock mit Schleppe unterwegs zu sein. Am Theater stehen andere Aspekte im Fokus. Nach intensivem Studium des Theatertextes oder des Librettos beginnt mit Regie und Dramaturgie die Konzeptphase. Danach die Ausmusterung und die Umsetzung – wie in der Modebranche. Kostümdesign ist eine angewandte Kunst, die der Interpretation eines Werkes und nicht nur dem Selbstzweck dienen soll. Dieses meine ich nicht wertend oder gar moralisch. Die Kunst ist grundsätzlich für Modedesign und Kostümdesign Inspiration pur.


Reinhard von der Thannen © Mats Bäcker

Hat ein Bühnen- und Kostümbildner Blick auf aktuelle Trends?

Was meine Person anbelangt – ein klares ja! Mein Interesse und mein unstillbarer Hunger nach Neuem sind riesengroß: Nebst Literatur und Belletristik studiere ich mit ähnlicher Leidenschaft gute Modemagazine und Designzeitschriften.

Sie sind auch als Regisseur tätig. An der Komischen Oper Berlin inszenierten Sie 2015 „Hänsel und Gretel“, bei den Salzburger Festspielen 2016 den „Faust“. Legen Sie dabei vermehrten Fokus auf die textile und ästhetische Komponente?

Als Kostümdesigner bin ich sehr eng – ja beinahe intim - mit den Protagonisten verbunden: Ich gestalte mit ihrem Einverständnis ihre „zweite Haut“. Ich unterstütze sie in der Charakterfindung, im Ausbau ihrer Rolle. Oft kreiere ich über Frisur und Kostüm ihr öffentliches „Star-Outfit“, verhelfe ihnen zu Erfolg und Aufmerksamkeit. Zu fast 99 Prozent gestalte ich Raum und Kostüm, dabei kann ich die Gesamtästhetik bestimmen und muss mich nicht mit dem Bühnenbildner absprechen. Ich entscheide also, ob in einer Szene das Kostüm oder der Raum führt. Mache ich zusätzlich Regie, so ist das die größte aller Freiheiten, die mir eine Theaterproduktion bieten kann. Ich liebe das. Leider haben sich Kritiker und Öffentlichkeit in mehr als vier Jahrzehnten meiner Theaterlaufbahn darauf eingeschossen, mich als Bühnen- und Kostümbildner festzuzurren. Basta! Dass ich auch in der Lage bin, alle drei Berufe leidenschaftlich auszuführen, verwirrt viele und wird mir als Eitelkeit vorgeworfen – dementsprechend habe ich unendlich viele Angebote als Ausstatter, aber kaum wirklich interessante als Regisseur. Da ich seit zehn Jahren eine Professur für Kostümdesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg innehabe, gebe ich mit Passion Wissen an meine Studierenden weiter und überwache väterlich deren künstlerische Entwicklung. Viele meiner Ehemaligen sind inzwischen sehr bekannte Kostümbildner, das versöhnt mich wieder.

Welche Ihrer bisherigen Produktionen würden Sie als Lieblingsproduktion bezeichnen und warum?

Richard Wagners „Lohengrin“ für die Bayreuther Festspiele 2010-2015 und Charles Gounods „Faust“ für die Salzburger Festspiele 2016. Beide Opern sind mit sehr großen Chören bestückt – eine enorme Herausforderung für den Kostümdesigner. Chorkostüme sollen meiner Auffassung nach immer etwas mit der Spiegelung von Gesellschaft zu tun haben. Für beide Megaproduktionen hatte ich die Möglichkeit, meine Ideen in künstlerischer Freiheit umzusetzen. Die Konzeption und Realisierung der Rattenkostüme für „Lohengrin“ forderte beispielsweise eine Schnittkonstruktion aus neoprenartigem Material mit Fieberglasstäben verstärkt. Die Sänger sollten in Sekunden ihre „Rattenhaut“ abstreifen und darunter jeweils völlig andere Kostüme tragen können. Ich wollte keinen Realismus, andererseits rasante Farb- und Formwechsel, „Das Tier in mir und dir“ und das alles möglichst surreal. In modischer Sichtweise hat mich die Arbeit des großen japanischen Designers Johji Yamamoto interessiert.

Für den Clown-Chor in „Faust“ habe ich aus schwerem, fließendem hautfarbenen Jersey eine Art Jumpsuit entwickelt. Mit seinen schwarzen Galonstreifen, die von den Seitennähten der Hosenbeine bis unter die Arme zu den Händen eingesetzt waren, entstand auf der Bühne eine grandiose Körperarchitektur. Dazu gab es, ähnlich wie in der Modebranche, unabdingbar Accessoires: Kopfbedeckungen, Westen und Korsagen. Auf diese Weise konnte der Gesellschaftsclown in Windeseile in einen Soldaten, zylinderbestückten Biedermeierherren oder Partybesucher verwandeln.

Was lehrt die Arbeit am Theater für das Alltagsoutfit?

Viele Jahre erkannte man Theaterschaffende an ihrer schwarzen Kleidung. Dramaturgisch würde man in Europa und den USA Schwarz auf der Bühne natürlich als Trauerkleidung einsetzen. Als kleiner Junge auf der Beerdigung meiner Großeltern fand ich meine Mutter in ihrem schwarzen Kostüm, dem schwarzen Hut mit Schleier, den schwarzen Stöckelschuhen und den schwarzen Seidenstrümpfen himmlisch schön. Dem Ganzen wohnte eine Theatralik inne, wie Jacky Onassis bei der Beerdigung von J. F. Kennedy als Witwe der Nation. Der stete Umgang mit dem dramaturgischen Denken am Theater lässt mich heute für fast jeden Anlass Farbe und Form der Alltagskleidung überlegt bestimmen.

Inwiefern beeinflusst das Künstlerische Ihre eigene Garderobe? Sind Sie privat experimentierfreudig-extrovertiert oder mögen Sie es lieber klassisch-schlicht?

Jegliches Dogma ist mir verhasst – ich kleide mich in erster Linie nach Gefühl, beim letzten prüfenden Blick in den Spiegel kommt die innere Wahrheit zutage: „Zu viel des Guten? Zu jugendlich? Overdressed? Verkrampft auf Künstler getrimmt?“ Dann wird schon mal ein ausgefallenes Outfit flott gegen einen schlichten schwarzen Anzug ausgetauscht!

Wie würden Sie den typischen hanseatischen Geschäftsmann auf einer Theaterbühne kleiden?

Ein Anzug - doppelreihig in tiefgründigem Blau - in der Stoffauswahl lodenähnlich, feiner Glanz. Leicht verbreiterte Schultern, betonte Taille, hochgeschnittene Hose, Hosenbeine weit mit Aufschlag. Hosenträger klassisch breit zum Anknüpfen, Innenfutter und Hemd humorvoll maritim. Matrosenkrawatte in Seide, Chevro-Lederschuhe schwarz mit runder Kappe, wollweiße feine handgestrickte Socken. Rotblonde Haare, Frisur streng gescheitelt, schwarzmattes, großes Brillengestell, leicht blaugetönte Gläser. Wahlweise zur Hose gäbe es noch den strengen Faltenrock – dann müssten die wollweißen Socken aber wollweißen Kniestrümpfen weichen.

Was sind für Sie No-gos in der Mode und welche modischen Faux-pas brechen Ihnen das Herz?

Enge schwarze Nappalederhosen für Männer, dilettantisch gestochene Tattoos allgemein, abgelaufene High Heels, die eine lächerliche Schräglage erzeugen, Stecktücher und kleine Halstücher in Krawattenseide bei Herren mittleren Alters, Herrenunterwäsche mit Comicfiguren bedruckt und vieles mehr – am Theater aber zur Charakterisierung einer Figur unverzichtbar! Dennoch braucht es weit mehr, um mir das Herz zu brechen.

Das Interview mit Reinhard von der Thannen erschien zuerst bei Braun EDITION Vol 1., UCM Verlag. Online Ausgabe bei hier nachlesbar.

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