Liebe Mode, ich mag nicht mehr!


Ugly Sneaker, XXXXL-Puffas, Coulottes in der siebten Runde, noch mehr Prints im Mix und dazu Siebzigerfarben. Liebe Mode, ich bin raus! Ein Abschiedsbrief von Martina Müllner-Seybold.

Liebe Mode,

ich bin raus. Ich hab’s versucht, wirklich. Jede Saison wieder. Ich hab versucht, mir Tapetenmusterkleider schön zu reden, ich habe Caprihosen in weit mit Turnschuhen in klobig kombiniert, ich habe versucht einzusehen, dass Volumen das neue Ding ist, Harmonie völlig überbewertet wird und Taille sowieso. Ich hab so getan, als würde ich verstehen, dass man sich für Zelte trotzdem schlank hungert und das Licht meidet, damit man in Ocker noch kränker aussieht. Aber jetzt muss ich Dir endlich sagen: Das mit uns, das hat so keine Zukunft.

Seit vielen Saisons laufe ich wieder los, voller Hoffnung. Ich besuche meine Tempel von damals und versuche den Göttern von einst zu huldigen. Bloß: Sie sind nicht mehr da. Wo ich früher Schnappatmung bekam, brauche ich heute ein Beatmungsgerät. Manchmal wegen der Preise (2.000 Euro für einen Jumpsuit, what?), manchmal wegen der Ästhetik (unter dem Zeltkleid jetzt eine Zelthose, echt?), ganz oft wegen der Qualität (kann man mit Cashmere-Lappen eigentlich Fenster putzen?). Manchmal frage ich Dich still, was Du nun eigentlich willst? Dass ich wie eine Straßennutte aussehe oder doch wie ein Männerschreck? Ja, ja, ich weiß, verführerische Weiblichkeit ist nach #metoo schwierig, aber ganz ehrlich – gibt es kein Dazwischen? Gibt es nicht irgendwas zwischen Nutti und Mutti?


Warum lässt Du mich permanent zwischen Pest und Cholera wählen? Nehmen wir zum Beispiel Schuhe: Da gibt es Stehschuhe. Tom Ford sagte mal: Zwischen 10 und 11 cm Absatzhöhe beginnt die Hölle. 4, 6, 8 cm, ist das so schwer? Müssen es wirklich immer 10+ sein? Lauter Grüße aus der Hölle? Sneaker, sagst Du? Nur eine andere Erscheinungsform der Hölle, sag ich – zumindest, wenn man very fashion forward ist. Dann hat man nämlich des Belzebubs Klumpfuß am Bein. Ugly Sneaker, was soll der Schmarrn! 700 Euro dafür, dass ich aussehe, als hätte ich eine schwere Erkrankung – an Augen und Füßen gleichzeitig? Und sag jetzt bloß nicht Mules, Cowboyboots oder diese grässlichen weißen Sockenstiefel mit Pfennigabsatz dran!

Oder nehmen wir Daunenjacken. Puffas heißen die ja jetzt, weil es so fashionable ist, irgendetwas Italienisch-Englisches zu irgendetwas Altbekanntem zu sagen. Weißt Du, wie wir das nennen, in good old Austria? Tuchent. Ein herrliches Wort für Daunendecke. Die Kassettendecke-to-go entspringt der sogenannten Meme-Fashion. Mode, die schon so entworfen wird, dass sie möglichst viele Memes im Internet nach sich zieht. Bekanntlich gibt es ja keine schlechte PR, besonders nicht online. Wir halten also fest: Designer überlegen sich, wie sie etwas so sehr überzeichnen, dass Coral-Flaschen-ins-Bild-Halterinnen erst darüber herziehen, ehe sie es anziehen. Sagt der Demna zum Virgil: „Ey, geil, meine Models tragen diese Saison Tuchent.“ Darauf der Virgil zum Demna: „Mir doch wurscht, meine tragen Tennissocken.“ Und das Schlimme ist: Alle, alle, alle, machen mit. Schnallen sich um die Tuchent noch ein Gepäckfixierband, setzen sich ihre (vorzugsweise im Winter) viel zu kleine Sonnenbrille mit orangefarbenen Gläsern auf und schnüren ihre Hikingboots. Da möchte man sich doch einen Supreme-Ziegelstein an den Kopf schlagen, oder?

Nun, dass die High Fashion ihre Grenzen auslotet, ist nicht neu. Guccis Fashionshow fiel letztes Frühjahr auf den Faschingsdienstag, ich saß vorm Livestream und dachte: Danke, Alessandro, jetzt bin ich voll Inspiration. Was verrückte Kostüme betrifft. Vor einem Prada Schaufenster stehe ich seit jeher voll verwunderter Belustigung. „Aber die Hosen, die passen so gut“ sagen dann alle, mit denen ich über Tapetenmuster Klappe 135 sprechen will. Stimmt. Das tun aber die von Marc Cain auch.

Und jetzt kommen wir zum Punkt. Liebe Mode, ich fand das Verrückte immer total okay. So lange klar war: Du spuckst mir nicht in meine Suppe. Du machst Tuchenten, ich bekomme bei einer Premiumfashionbrand meine kleidsame Winterjacke. Aber: Du hast die rote Linie überschritten. Du hast so lange alles hässlich gemacht, dass selbst die Trutzburgen der Ästhetik einknicken. Und deshalb werde ich sauer. Wirklich sauer. Ich will, dass Du verschwindest! Auf Wiedersehen, Goodbye, Au revoir, Ciao!

Und frag bloß nicht, wo ich bleibe, wenn die Monatsumsätze mal wieder im Keller sind und Du ganz dringend jemand brauchst, der die kapitalintensiven XXXXL-Puffas in Schockfarben aus den Läden trägt. Ich kann Dir gerne verraten, wo ich bin: Zu Hause. Und nein, ich kaufe nicht online ein. Ich kaufe gar nicht ein. Ich kombiniere meine Schätzchen von damals neu und feiere mit meinen Lieblingen „10 Jahre im Schrank und noch immer schön“-Partys.

Geh, und lass Dich erst wieder blicken, wenn Du mal ganz grundsätzlich über Deinen Sinn und Zweck nachgedacht hast. Mode, die nicht schön machen will, ist ungefähr so zielführend wie Wein, der korken soll. Nenn‘ mich apokalyptisch, aber Mode, die nicht gefallen will, ist Ausdruck einer völlig fehlgeleiteten Dekadenz. Weil alle alles Schöne schon in ihren Schränken haben, sollen sie diese jetzt mit Hässlichem vollstopfen? Netter Versuch. Funktioniert bestimmt – mit Modeopfern. Aber ich bin kein Opfer. Ich habe Ansprüche, und besonders an Dich, liebe Mode. Bring mir die schönere Version dessen, was ich schon kenne und ich kaufe.

Bis dahin,

Deine Martina

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