Ist die Uhr ein Anachronismus, Herr Schmid?

Das Einsteigermodell hat den Preis eines Kleinwagens, das teuerste den eines Luxushauses: Der Name A. Lange & Söhne steht Synonym für edle mechanische Uhren. Seit Manager Wilhelm Schmid die Geschicke der sächsischen Uhrenmanufaktur A. Lange & Söhne leitet, ist die Marke aus Glashütte auf Erfolgskurs: Innovative, exklusive Modelle haben die Marke wieder auf den Radar von Liebhabern gebracht – und das auf der ganzen Welt. Mit Edition spricht der Manager über Mechanik, Zeit und Wert.


Interview: Martina Müllner-Seybold. Fotos: A. Lange & Söhne


Herr Schmid, Sie haben einen durchaus unkonventionellen Lebenslauf – ursprünglich haben Sie eine Ausbildung zum KFZ Mechaniker gemacht. Nun drehen Sie an viel feineren Schrauben – im übertragenen Sinne. Was von dem damals Erlernten ist Ihnen heute als Manager von A. Lange & Söhne noch immer hilfreich?

Was die Automobilbranche mit der Welt der Uhren verbindet, ist die Leidenschaft für alles Mechanische. In meinem Leben ist das eine Konstante. Aus meiner praktischen Ausbildung habe ich mir das Verständnis für technische Zusammenhänge bewahrt. Daraus resultiert auch mein Respekt vor der handwerklichen Leistung der Uhrmacher bei A. Lange & Söhne.



Ist Zeit ein knappes, ein teures oder ein unendliches Gut? Mit welcher Philosophie begegnen Sie der Zeit?

Das ist die eine Frage, die jeder Mensch nur für sich selbst beantworten kann. Für mich ist Zeit ein knappes und kostbares Gut, das ich so einteilen muss, dass ich möglichst viel zustande bringe und dabei noch Zeit übrigbleibt, die ich ganz für mich und meine Familie habe, in der ich ohne Ziele bin und nichts schaffen muss.


Eigentlich ist es ja paradox: Während Smartwatch und Smartphone die Notwendigkeit einer Uhr ad absurdum führen, steigt die Begehrlichkeit von Uhren: Es werden immer teurere und exklusivere Uhren gebaut, besondere Uhren verzeichnen jährlich Wertzuwächse, die klassische Anlageformen alt aussehen lassen. Wie erklären Sie sich diesen scheinbaren Widerspruch?

Wie Sie richtig sagen, ist es ein scheinbarer Widerspruch. Eine gute, handwerklich gefertigte Uhr hat alle Zutaten, die auch ein wertvolles Kunstwerk ausmachen: Sie basiert auf einer kreativen Idee, die idealerweise meisterhaft umgesetzt wurde. Sie trifft eine klare Stilaussage, hat eine Provenienz, die sie begehrenswert macht, und sie ist selten, vor allem dann, wenn sie in limitierter Auflage produziert wurde. Damit spricht sie Kenner und Sammler an, genau wie Kunstwerke, klassische Automobile oder Wein.


Eine besondere Uhr ist eine Form der Distinktion. Was drückt der Mann aus, der eine Uhr von A. Lange & Söhne am Handgelenk trägt?

Bei einer Lange-Uhr verhält es sich wie bei einem Cashmere-Mantel, einem Bild oder einem Grand Cru. Mit dem Kauf tut man zunächst einmal etwas für sich selbst. Es geht um Kennerschaft, Genuss, Freude, Leidenschaft. Erst in zweiter Linie ist die Uhr ein nach außen gerichtetes Statement, und auch dann wendet sie sich ausschließlich und dezent an Kenner und Eingeweihte.


Ab welchem Wert legen Sie eine Uhr lieber in den Safe, als sie zu tragen? Oder finden Sie: Egal wie kostspielig die Uhr ist, sie sollte immer getragen werden?

Ich trage fast immer eine Uhr, außer vielleicht beim Sport; nicht weil unsere Uhren das nicht aushalten – die sind sehr robust –, sondern weil ich das als eher unpassend empfinde.


Sie selbst haben eine mechanische Armbanduhr als Anachronismus betitelt. Warum macht es so viel Freude, anachronistisch zu sein?

Die mechanische Uhr scheint insofern aus Zeit gefallen zu sein, als die technologische Entwicklung mit Quarz- und Atomuhr weitergegangen ist. Außerdem ist die präzise Zeit heute auf jedem Smartphone ablesbar und damit praktisch allgegenwärtig. Andererseits ist die handwerklich gefertigte Uhr ein äußerst zeitgemäßes Produkt, weil sie in einer zunehmend digitalisierten Welt ein zeitloses Bedürfnis nach Unmittelbarkeit, Echtheit und Beständigkeit erfüllt.


Die Uhr, von der Sie als junger Mann geträumt haben. Die Uhr, die Sie sich zu Ihrem ersten beruflichen Meilenstein geleistet haben. Die Uhr, von der Sie sagen: Wenn ich die habe, dann brauche ich keine mehr – haben Sie die alle schon, haben Sie die alle noch? Oder liegt es in der Natur des Uhrenliebhabers, dass er seine Exit-Watch doch nie findet?

Da ich das Glück habe, an der Entwicklung unserer Uhren beteiligt zu sein, gehört die Frage nach der nächsten Entwicklung zu meiner beruflichen Realität. Als Uhrenliebhaber bin ich trotzdem nicht von der Suche nach der ultimativen Uhr getrieben. Es ist eher so, dass man mit zunehmender Erfahrung anspruchsvoller wird und beim Kauf einer neuen Uhr selektiver vorgeht.


Sie haben unglaublich passionierte Kunden, für die die Entscheidung für eine Uhr das Ergebnis oft monatelangen Informierens, Recherchierens, Abwägens ist. Diese Kunden wissen alles über die Uhren, die sie kaufen wollen, sie treffen eine sehr bewusste Entscheidung. Wie viel Bauch ist da noch involviert?

Der Kauf einer Uhr ist eine höchst emotionale Angelegenheit. Schließlich muss man sich mit der Uhr am Handgelenk wohlfühlen. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit und soll einen über Jahre begleiten. Trotz aller rationalen Argumente ist es am Ende immer eine intuitive Entscheidung.


Kann man Mode auch so bewusst kaufen, wie man Uhren kauft? Interessieren Sie sich bei Mode auch passioniert dafür, wie zum Beispiel Ihr Anzug oder Ihre Schuhe gemacht wurden?

Für mich persönlich spielen material- und warenkundliche Aspekte neben dem Stil eine wichtige Rolle beim Kauf von Schuhen und Kleidung. Das trifft meiner Ansicht nach auch auf die meisten unserer Kunden zu. Bei unseren Uhren fällt die Kaufentscheidung oft erst nach einer intensiveren Auseinandersetzung mit ihren technischen Besonderheiten und dem hohen Aufwand hinter ihrer Entstehung.


Drei Situationen, drei Uhrenempfehlungen von Wilhelm Schmid.

Strandurlaub: Keine Uhr – der Sonnenstand reicht zur Orientierung.

Konzertabend: SAXONIA MONDPHASE

Vorstandspräsentation: LANGE 1 „25th Anniversary“




Dieses Interview erschien zuerst in Braun Edition Vol. 2 des UCM Verlag.

Lasserstraße 13 - A 5020 Salzburg - Kontakt - Impressum - Datenschutz

Copyright 2019 ueberMODE